Was ist eine Lernstörung?

Eine Lernstörung ist ein Sammelbegriff für die Beeinträchtigung des schulischen Lernens die sowohl in Form definierter Störungsbilder wie z.B. Lese-Rechtschreibstörung Legasthenie oder Dyskalkulie, als auch allgemeiner Lernschwierigkeiten, wie z.B. einer geringeren Konzentrationsfähigkeit, verringertem Antrieb oder verminderter Leistungsmotivation oder auch als Teilleistungsstörungen auftritt. Das bedeutet, vereinfacht gesagt, dass Ihr Kind große Probleme beim Lesen, Schreiben oder Rechnen hat sowie sich nur schwer konzentrieren kann, sich leicht ablenken lässt oder überhaupt keine Lust auf das Lernen hat. Teilleistungsstörungen haben immer etwas mit der Entwicklung des Gehirns zu tun. Das bedeutet, dass zum Beispiel die Bereiche, die für den Leseerwerb zuständig sind, nicht mit anderen Arealen des Gehirns verbunden sind. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat festgelegt, dass eine Lernstörung dann vorliegt, wenn der Erwerb diverser Fähigkeiten von frühen Entwicklungsstadien an beeinträchtigt ist. Das bedeutet, dass Ihrem Kind das Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnen schwerer fällt als seinen Altersgenossen und es keinen körperlichen Grund dafür gibt. Zu den Lernstörungen gehören Dyslexie bzw. Legasthenie, Dyskalkulie und Dysgraphie bzw. Dyspraxie, während ADHS, eine nonverbale Lernstörung oder Hyperlexie zählen zu den neurologisch bedingten, sekundären Lernstörungen.

Lernstörungen können nicht wieder verschwinden, da sie nicht erworben sind und die Betroffenen ein Leben lang begleitet. Ohne psychologisch fundierte Behandlung kann es drastische Folgen für das weitere Leben der betroffenen Kinder haben, denn ständige Misserfolge und schlechte Noten in der Schule, trotz oft großer Anstrengung, lassen auch ursprünglich selbstbewusste Kinder an sich zweifeln. Nervosität, Unruhe, Stimmungsschwankungen und Sozialstörungen sind Folgeerscheinungen, wobei die Probleme mit anderen Kindern, vor allem Mobbing und die soziale Ausgrenzung aus der Gemeinschaft, zur Folge haben. Dies verstärkt die Probleme zumeist noch mehr und die Kinder geraten in einen psychischen Teufelskreis.

Eine Lernstörung ist mittlerweile eine in Deutschland anerkannte Behinderung, die im Grundgesetz in Artikel 3 Absatz im zweiten Satz festgehalten ist. Dort steht: 


Artikel 3 Grundgesetz

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Auf diesen Satz können sich Eltern berufen, wenn es um die Unterstützung ihres Kindes geht. Natürlich sollen Sie nicht gleich mit einem Anwalt drohen, sondern erstmal in Ruhe reden. Oftmals wissen vor allem junge Lehrer noch nicht, was alles möglich ist und wie dem Kind geholfen werden kann. 

Es gibt viele Hilfsmöglichkeiten, jedoch ist es für Eltern oder andere Angehörige, die in der Materie nicht drinstecken, oftmals sehr schwer, die geeignete Hilfe für das betroffene Kind zu finden. Wichtig ist, dass sie zunächst zu Ihrem Kinderarzt gehen und sich eine Überweisung zu einem Kinder- und Jugendpsychologen oder einer anderen qualifizierten Person geben lassen, die Tests auf Lernstörungen durchführen darf. Ihr Kinderarzt ist zumeist mit den Möglichkeiten in Ihrer Region vertraut und lassen Sie sich bitte nicht abwimmeln. Erzählen Sie Ihrem Kinderarzt, worin die Problematik ihres Kindes liegt und dass Sie professionelle Hilfe benötigen. Lehrer in den Schulen sind dazu nicht berechtigt, entsprechende Tests durchzuführen. Auch Angestellte einer sonderpädagogischen Bildungseinrichtung dürfen solche Tests nicht durchführen, auch wenn es gängige Praxis ist und die Eltern dadurch nur noch mehr verunsichert werden. Lerntherapeuten dürfen diese Tests ebenfalls nur unter Umständen und mit entsprechender Ausbildung durchführen. 

Vereinbaren Sie danach einen Termin in der Kinder- und Jugendpsychologischen Praxis Ihrer Wahl und nehmen Sie Termine unbedingt wahr. Es wird einige Zeit und auch viel Kraft und Geduld in Anspruch nehmen, jedoch wird es Ihrem Kind Türen öffnen, die ihm ansonsten verschlossen bleiben. 

Kümmern Sie sich bereits frühzeitig um einen Termin in einer lerntherapeutischen Einrichtung, um einen Platz zu bekommen. Viele Einrichtungen sind heillos überlaufen und es ist oft nötig, sich rechtzeitig einen Platz zu sichern. In Nachhilfeinstituten sind Kinder mit einer Lernstörung falsch und Nachhilfe wird den Kindern auch nichts bringen. Achten Sie darauf, dass in der lerntherapeutischen Praxis auf aktuelle schulische Belange eingegangen wird und dabei für jedes zu erlernende Fachgebiet eine Strategie entwickelt wird, die es dem Kind ermöglicht, adäquat zu lernen und den Stoff zu verinnerlichen. 

Legasthenie

Im ICD, der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“, wird eine Legasthenie wie folgt umschrieben:

F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung

Info: Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein. Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht werden. Umschriebenen Entwicklungsstörungen des Lesens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus. Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich häufig.

Inkl.: Entwicklungsdyslexie

Umschriebene Lesestörung

"Leserückstand"

Exkl.: Alexie o.n.A. (R48.0)

Dyslexie o.n.A. (R48.0)

Leseverzögerung infolge emotionaler Störung (F93.-)

(Quelle: https://www.icd-code.de/icd/code/F81.2.html)

 

Schon hier verzweifeln viele Eltern, da sie nicht wissen, woran ihr Kind überhaupt leidet. Bei einer Legasthenie handelt es sich nicht um eine Krankheit – das ist wichtig, da die betroffenen Menschen nicht krank sind. Es ist eine Art Fehlschaltung im Gehirn, dass Signale nicht so weitergeleitet werden, wie bei Menschen ohne Legasthenie.
Betroffene erzählen, dass Buchstaben verschwimmen und Texte wie überladene Kisten wirken. Ein Schüler sagte mir einmal, dass die Legasthenie wie ein Biest im Kopf sei, dass die Buchstaben und Wörter durcheinanderschmeiße. 
Legasthenie äußert sich z.B. darin, dass Betroffene Buchstaben wie b,d, p und q verdrehen und diese nur unzureichend erfassen können. Wörter werden oft in verschieden Variationen geschrieben und keine logischen Strukturen erkennbar ist. Oftmals lesen Betroffene zwar das Wort, aber erkennen nur einzelne Buchstaben und versuchen sich das Wort zusammenzureimen. 

Dyskalkulie

Die Ursachen für eine Dyskalkulie sind Verzögerungen von kindlichen Entwicklungen. Das bedeutet, dass Ihr Kind in seiner geistigen Entwicklung einfach noch nicht so weit ist, um die mathematischen Zusammenhänge zu deuten, zu verstehen und wiederzugeben. Dadurch mangelt es Ihrem Kind an den Voraussetzungen, seinen Altersgenossen gerecht zu werden. Unterschiede in der Entwicklung können in einer Klassenstufe mehrere Jahre betragen. Die Lernanforderungen sind für das betroffene Kind einfach oft zu hoch. Sie sind häufig noch nicht in der Lage, grundlegende Inhalte des Mathematikunterrichts wie Zahlvorstellungen, Aufbau des Zahlenraumes, Rechenoperationen, Einspluseins und Einmaleins und Grundvorstellungen zu Größen und zur Geometrie sich zu erschließen. Da Mathematikunterricht stark hierarchisch aufgebaut ist, gelingt es den Kindern nicht, diese Lücken selbstständig in weiteren Klassen zu füllen. Sie bleiben auf der Stufe der Lernanfänger stehen, sind lange zählende Rechner und zeichnen sich durch Unverständnis für mathematische Zusammenhänge aus.
Zu den für das Erlernen der Mathematik wichtigen Fähigkeiten gehören vor allem Orientierung, Vorstellung, Abstraktion, Konzentration und Gedächtnis. Diese werden vor der Schule und in der Schule durch Mitarbeit entwickelt. Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen Entwick-lungsverzögerungen aufweisen, haben zu wenig effektive Strategien erprobt und Erfahrungen nicht bewusst genug gemacht. In der Schule versuchen sie dann durch Auswendiglernen un-verstandener Inhalte ihre Schwierigkeiten zu überwinden.

Woran erkennen Sie eine Dyskalkulie?
• das Erledigen der Mathematikhausaufgaben dauert ungewöhnlich lange.
• Selbst intensives Üben bringt keinen oder nur kurzzeitigen Erfolg; nach ein paar Tagen ist alles wieder, als wenn Ihr Kind nicht gelernt hätte; die Malfolgen werden zum Beispiel immer wieder ver-gessen, obwohl das Kind mit dem Auswendiglernen von Gedichten keine Probleme hat
• das Rechnen mit den Fingern wird bis zum Ende der Schulzeit nicht überwunden
• auch Aufgaben wie 12 + 3 werden immer wieder "neu" gerechnet.
• Zusammenhänge zwischen Aufgaben wie 7 + 5, 17 + 5, 27 + 5, ... kann das Kind nicht erkennen
• Das Kind schreibt bei mehrstelligen Zahlen oft erst den Einer und dann den Zehner - so wie es spricht - dabei kommt es zum Vertauschen von Einern und Zehnern (statt 52 wird 25 geschrieben)
• Vorgänger und Nachfolger können zu gegebenen Zahlen nicht genannt werden bzw. sie werden verwechselt
• teilweise treten Schwierigkeiten beim Zählen auf, insbesondere beim Zählen in Zweier-, Fünfer- oder Zehnerschritten und an den Zehner- und Hunderterübergängen
• das Kind kann errechnete Ergebnisse von Aufgaben, insbesondere bei Sachaufgaben, weder be-gründen noch kritisch einschätzen.
• die Größenvorstellungen sind häufig unrealistisch, so dass der Umgang mit Größen und Messgerä-ten vermieden wird
• mit Geld und einer Uhr wird nicht altersgerecht umgegangen
• das Kind hat erst spät rechts und links erlernt bzw. verwechselt beide Begriffe noch weit bis in die Schule hinein
• häufig bestehen Unsicherheiten in der Verwendung von Relationsbegriffen wie vor und nach, zwi-schen ... und ..., drinnen und draußen, über und unter
Was können Sie als Eltern tun?
Wenn Sie einen Teil - es müssen nicht alle Punkte zutreffen - der oben genannten Punkte bei Ihrem Kind feststellen
• kontaktieren Sie die Schule und die zuständigen Lehrer
• suchen Sie den Kinder- und Jugendpsychologen für einen entsprechenden Test auf
• wenn Sie die Möglichkeit haben, suchen Sie eine Beratungsstelle auf (in Weil am Rhein ist das die Felix Lerntherapie)

Was müssen Sie als Eltern in Bezug auf Ihr Kind tun?
Wichtig ist es für Ihren Sprössling, dass Sie
• seine Ängste und Sorgen ernst nehmen.
• nicht schimpfen oder gar strafen, wenn Ihr Kind eine schlechte Note in Mathe nach Hause bringt.
• motivierend agieren - spornen Sie Ihr Kind zum Weitermachen an!
• Ihrem Kind sagen, dass Sie es auch mit einer Rechenschwäche lieben.
• das Möglichste tun, um Ihrem Kind zu helfen und es zu unterstützen.

Literaturtipps
Klaus R. Zimmermann, Jedes Kind kann rechnen lernen. Rechenschwäche und Dyskalkulie - Wie Eltern helfen können, Weinheim 2011.
 
Armin Born/ Claudia Oehler, Kinder mit Rechenschwäche erfolgreich fördern. Ein Praxishandbuch für El-tern, Lehrer und Therapeuten, Stuttgart 2009.